Schreiben im Zeitalter der KI 2.0: Fortschritt gibt die Richtung vor, garantiert aber nicht das Ergebnis

Ein Protokoll für die Arbeit mit mehreren Modellen als Rechercheur, Kritiker und Lektor, ohne das Denken abzugeben.

26.7.2026
Schreiben im Zeitalter der KI 2.0: Fortschritt gibt die Richtung vor, garantiert aber nicht das Ergebnis
Die Routine automatisieren, aber nicht das Denken

Vor einigen Monaten habe ich einen Artikel über das Schreiben im Zeitalter der KI geschrieben. Er ist noch recht neu, aber die Technologie entwickelt sich so schnell, dass sich mein Vorgehen bereits verändert hat.

Schreiben im Zeitalter der KI: ein persönlicher Essay

Wenn ich heute an einem Text arbeite, nutze ich mehrere Modelle. Eines hilft mir, das Thema zu durchdringen, ein anderes sucht nach Schwachstellen, ein drittes prüft die Schlussfolgerungen und bietet eine andere Sichtweise an.

Mein Ziel ist dabei nicht, ein Fließband zu bauen, in das eine Idee hineingeht und aus dem ein fertiger Artikel herauskommt.

Ich bin Ingenieur, deshalb reizt es mich von Natur aus, alles zu vereinfachen, zu automatisieren und zu verbessern. Aber einen Prozess zu automatisieren heißt nicht, auf das Denken zu verzichten.

Das eigentliche Ziel des Schreibens ist für mich ein anderes: ein Thema zu verstehen, einen eigenen Gedanken zu formulieren und zu erfahren, was andere Menschen denken.

Eine riesige Bibliothek, mit der man sprechen kann

Früher konnte es Wochen oder Monate dauern, sich in ein neues Thema einzuarbeiten. Man musste Bücher, Artikel und Studien finden, die Fachbegriffe verstehen und herausfinden, welche Meinungen überhaupt existieren.

Heute lässt sich die erste Landkarte eines Themas in wenigen Minuten zeichnen.

KI ist wie eine riesige Bibliothek, mit der man sprechen kann. Sie hilft, eine komplexe Idee in einfachen Worten zu erklären, verwandte Themen zu finden, Einwände sichtbar zu machen und eine Hypothese aus verschiedenen Richtungen zu prüfen.

Aber der Bibliothekar irrt sich manchmal. Wichtige Fakten, Zahlen und Schlussfolgerungen müssen deshalb trotzdem überprüft werden.

Richtig eingesetzt ersetzt KI die Recherche nicht. Sie hilft, schneller zu beginnen, tiefer in die Frage einzusteigen und die Zahl der Fehler zu verringern.

Mein Protokoll für die Arbeit an einem Artikel

Damit die Arbeit nicht zu chaotischen Gesprächen mit verschiedenen Modellen wird, habe ich mir ein einfaches Protokoll zurechtgelegt.

  1. Die Idee besprechen. Ich erkläre, was ich denke und welche Hypothese ich prüfen will. Die KI stellt Fragen, widerspricht und hilft, das Thema präziser zu fassen.
  2. Informationen sammeln. Ich suche Fakten, Argumente, Einwände, verwandte Ideen und aktuelle Quellen. Wichtig ist, nicht nur zu verstehen, was die Hypothese stützt, sondern auch, was sie widerlegen könnte.
  3. Der Entwurf. Aus dem Gespräch und dem gesammelten Material entsteht die erste Fassung des Artikels.
  4. Manuelle Redaktion. Das ist die wichtigste und interessanteste Phase. Ich schreibe den Text um, schärfe die Gedanken und prüfe die Formulierungen.
  5. Prüfung. Die KI hilft erneut, grammatische und logische Fehler, ungenaue Formulierungen, Widersprüche und zweifelhafte Aussagen zu finden.
  6. Rückmeldung. Ein Artikel wird nicht nur veröffentlicht, um einen fertigen Gedanken weiterzugeben. Mir ist wichtig, die Meinung anderer zu hören, Einwände zu sehen und zu bemerken, was ich selbst übersehen haben könnte.
Dieses Protokoll automatisiert die Routine, aber nicht das Denken selbst.

Spielt es eine Rolle, ob KI im Spiel war?

Noch immer trifft man auf eine skeptische Haltung gegenüber Texten, die mit KI entstanden sind. Doch diese Formulierung selbst erklärt inzwischen wenig.

Man kann mit einer einzigen Anfrage einen leeren Artikel schreiben und ihn sofort veröffentlichen. Oder man kann KI als Rechercheur, Kritiker und Lektor einsetzen, die Informationen mehrfach prüfen, den Text vollständig überarbeiten und für jede Schlussfolgerung geradestehen.

Das sind vollkommen verschiedene Prozesse.

Bekannte Autoren sprechen bereits offen über diese Art zu arbeiten. Mo Gawdat schreibt das Buch Alive gemeinsam mit einer KI, die er Trixie nennt. Nach eigenen Worten nutzt er mehrere Modelle für Recherche, Quellenprüfung und Berechnungen, nicht um mit dem Denken aufzuhören.

Forbes Australia: AI dystopia, it is already begun, says Mo Gawdat Mo Gawdat: Alive Mo Gawdat: This Space

Der Schriftsteller Stephen Marche hat die Novelle Death of an Author mit Hilfe von ChatGPT, Cohere und Sudowrite verfasst und das Ergebnis anschließend vielfach überarbeitet, bis der Text so klang, wie er es brauchte.

Dropbox Blog: Stephen Marche on creating with AI without outsourcing the fun Wired: Death of an Author, an AI book excerpt

Die japanische Schriftstellerin Rie Kudan hat ebenfalls offen mitgeteilt, dass etwa fünf Prozent ihres mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichneten Romans aus Sätzen bestanden, die ChatGPT erzeugt hatte.

Euronews: Rie Kudan wins Japan's most prestigious literary prize, then reveals she used ChatGPT Smithsonian Magazine: This award winning Japanese novel was written partly by ChatGPT

Die zentrale Frage lautet heute deshalb nicht mehr, ob eine KI den Text berührt hat.

Wichtiger ist etwas anderes: Hat der Autor einen eigenen Gedanken, hat er das Thema verstanden, hat er die Fakten geprüft und kann er für das veröffentlichte Ergebnis einstehen?

KI kann die Produktion sinnloser Inhalte beschleunigen. Sie gibt einem einzelnen Menschen aber auch die Möglichkeiten eines kleinen Recherche- und Redaktionsteams.

Alles hängt davon ab, ob sie anstelle des Denkens oder zu dessen Verstärkung eingesetzt wird.

Wie arbeiten Sie beim Schreiben mit KI? Welche Schritte vertrauen Sie ihr an und was machen Sie in jedem Fall selbst? Teilen Sie Ihre Erfahrung. Mich würde interessieren, Ansätze zu vergleichen und gelungene Praktiken zu übernehmen.


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