„Ein Ingenieur ist schlimmer als ein Trinker“: wie sich der Wert von Ingenieurarbeit wandelt

Von einem bitteren Spruch der späten Sowjetunion über die Jagd der Konzerne auf Ingenieure bis zur neuen Frage, die die KI stellt.

26.7.2026
„Ein Ingenieur ist schlimmer als ein Trinker“: wie sich der Wert von Ingenieurarbeit wandelt
Der Wert technischer Arbeit verschiebt sich mit der Wirtschaft, nicht mit dem Ingenieur
Ein Ingenieur ist schlimmer als ein Trinker.

Sagen Sie das heute, und man sieht Sie an wie den Stadtverrückten. Im 21. Jahrhundert ist der Ingenieur jemand, um dessen Fähigkeiten die größten Konzerne der Welt kämpfen und um dessen Angebote ihn viele beneiden. Der Vergleich mit einem Trinker wirkt nicht nur beleidigend, sondern völlig sinnlos.

Vor gut dreißig Jahren jedoch warf dieser Satz keinerlei Fragen auf. Er war keine Beleidigung, sondern eine treffende Alltagsbeobachtung. In der späten Sowjetunion gab es einen Überschuss an Fachleuten mit technischem Hochschulabschluss, und ihre Arbeit wurde äußerst niedrig bewertet. Ein gewöhnlicher Ingenieur verdiente weniger als ein Arbeiter an der Werkbank. Daraus entstand der bittere Spruch.

Der Trinker gibt das Leergut zurück und hat Geld in der Tasche, der Ingenieur arbeitet eine Schicht und ist trotzdem blank.

In dieser Alltagsarithmetik verlor der Ingenieur auf ganzer Linie.

In den Neunzigern brach das System endgültig zusammen. Der Markt brauchte Kofferhändler, Verkäufer und Finanzleute, alle, die schnell billig einkaufen und teuer verkaufen konnten. Die Nachfrage nach Ingenieuren, Konstruktionsbüros und Grundlagenentwicklung fiel auf null. Wer weiter ins Werk oder in einen geschlossenen Betrieb ging, für einen Lohn, der monatelang ausblieb, wirkte auf diese Zeit wie ein Sonderling, der schlicht nicht bemerkt hatte, dass sich die Spielregeln geändert hatten.

Heute ist der gewöhnliche Ingenieur nicht von sich aus klüger geworden, es hat sich lediglich der Vektor der Wirtschaft verschoben. Und ein Satz, der in den Neunzigern harte Wahrheit war, wurde bis in die Zwanziger zur Absurdität.

Aber die Geschichte liebt Zyklen, und gerade jetzt erleben wir die nächste Wende. Nach einem goldenen Zeitalter für Ingenieure und Entwickler beginnt womöglich eine neue Epoche. Der Markt ist wieder übersättigt, und die KI rückt den gewöhnlichen Fachleuten auf die Fersen. Algorithmen übernehmen den Basiscode, Routineberechnungen und Standardentwürfe, genau jene Aufgaben, die gestern noch sehr ernst genommen wurden.

Es gibt wieder zu viele Ingenieure für eine Welt, in der neuronale Netze die Aufgabe schneller und billiger erledigen.

Und heute machen wir offenbar einen Schritt hin zu einer neuen Windung der Geschichte, in der der Wert der gewöhnlichen technischen Arbeit erneut stark infrage steht.


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